How to become a true Skateboarder

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Der einzige wirklich wahre Weg, alles garantiert richtig und nix verkehrt zu machen, Ehrenwort!

„Du pushst Mongo!“ – Nikolas dreht seinen Kopf in Richtung des Typen, der ihn da anscheißt, grinst über‘s ganze Gesicht und ruft voller Stolz zurück „Na klar!“. Selten musste ich so lachen beim Skateboard-Unterricht wie an dem Tag, Doppeldeutigkeiten liegen mir eben. Ja, ich weiß, „Skateboard-Unterricht“, das interessiert doch höchstens irgendwelche Lehrer. Ich habe das auf die harte Tour gelernt, ich bin einer von denen, die diese ganzen Gesetze, die Do‘s und Don‘ts nicht kannte, der einfach gemacht hat, was ihm Spaß machte.

Ein Beitrag von Peter K., Gründer von AUTISTASKATES.


Ich war zwischen meinem achten und siebzehnten Lebensjahr mit Skateboards unterwegs, dann über zehn Jahre kein Skateboarder, dann, nach all diesen rollfreien Jahren habe ich auf eBay ein sehr günstiges Angebot für ein sogenanntes Longboard gefunden. Ein Pintail, nach heutigen Maßstäben überhaupt kein „richtiges“ Board, Industrieware, die falsche Zahl Schichten aus dem falschen Holz, viel zu schmale Billigachsen mit dem Kingpin auf der falschen Seite, irgendwelche bunt bedruckten Hartgummirollen dran, und ich hab es gekauft und war stoked.

Ich meine, wirklich: völlig hin und weg.

Warum ich mal aufgehört hatte, war mir in dem Augenblick schleierhaft, als ich das Pintail zum ersten Mal auf den Asphalt stellte und die ersten Meter rollte. Gleich nochmal pushen, schneller. Und dann da vorn den Hang runter, paar Turns, dieses Geräusch von den Rollen und dem Fahrtwind um die Ohren, Hammer. Total geil. So bin ich dann mit Anfang dreißig zum Longboarder geworden, ohne zu ahnen, was sich in der Rollbrettszene seit meinem Ausstieg getan hatte. Bin allein gecruist, wie früher als Jugendlicher auf dem Dorf, weil da eben keiner war, der mitgefahren wäre, die sind alle mit ihren Mofas rumgeturnt, trugen wahlweise Rockerlederjacken oder mit dem Union Jack bestickte Bomberjacken, und auf Uniformen hatte ich schnell keine Lust mehr gehabt. Mit der Zeit habe ich kapiert, dass diese Longboardgeschichte mehr Potenzial haben könnte als ein kurzes Pintail bieten könnte, also habe ich mir einen richtigen Downhiller zugelegt, gescheite Achsen, fette Schlappen drauf, und dann zum ersten Mal auf offener Straße Tempo 50 geknackt.

Und dann kam dieses Video, nachts auf YouTube, wo so eine White Karen rührseliges Zeug erzählte von ihrem autistischen Sohn, und irgendwas mit Skateboarden. Eines von vielen Videos, die ich mir im Winter 2012/13 ansah. Und das sich offensichtlich mehr in mein Hirn bohrte als viele andere Clips, die eigentlich mehr und geilere Skateaction zeigten. Ich hatte inzwischen auch wieder ein richtiges Streetboard, erinnerte mich an Ollies und Kickflips, meine Panik vor Transitions, und hatte Bock auf mehr. Aber eben Winter, Salz und Matsch auf den Straßen, eisige Parkhäuser auf Dauer langweilig mit nem Longboard, also Däumchen drehen, Videos schauen, Stuff ordern und warten. Bei diesem Warten kam mir das Video mit dem Autisten wieder in den Sinn, ich sah es mir nochmal an,

es erzählte die Anfänge von ASkate, einer amerikanischen Organisation, die autistische Kinder und Jugendliche ans Skateboarding heranführt. Und ich dachte mir so, „wäre vielleicht witzig, sowas hier auch zu machen“.

Wie das so ist mit dem Denken, also wenigstens bei mir, das zieht sich, bisschen wie Kaugummi, macht Schnörkel und windet sich, bis es irgendwann Anfang März 2013 Klick machte und ich bei einer Selbsthilfegruppe von Eltern autistischer Kinder in Augsburg anrief, einen Termin vereinbarte und Tage später das erste Mal der Mutter von Nikolas meine Idee erklärte. Wie man in Augsburg vielleicht mal versuchen könnte, mit ihrem Sohn und anderen „Kranken“ skaten zu gehen.

Ich war mir weder der Tragweite noch der Anforderungen dieser Kids im geringsten klar, anscheinend hatte ich aber einen Nerv getroffen, denn wir vereinbarten, dass ich mich weiter umsehen wollte in der Skaterszene, während Nikolas Mom sich in ihrer Selbsthilfegruppe erkundigen wollte, ob denn Interesse an sowas bestünde. Und so besuchte ich am selben Abend noch einen Indoor-Skatepark namens Bluebox, den der Skateboard-Verein Razed in Eigenregie betrieb. Erzählte den Jungs die Geschichte nochmal, verbunden mit der Frage, ob ich bei ihnen so eine Geschichte versuchen könnte. Und die waren sofort dabei und boten an, mir zu helfen. Selbst mit anzupacken. Sponsoren zu finden. Alles Themen, die ich überhaupt nicht bedacht hatte. Aber es hat sich gelohnt. Wir haben seitdem in Dutzenden Kursen unsere Autis begleitet, gefördert, vor Stürzen bewahrt, bei Stürzen zugesehen, waren in verschiedensten Parks unterwegs, haben

enorm viel gelernt über die Bedürfnisse von autistisch Diagnostizierten und eben nicht Kranken, wie ich früher gedacht hatte.

Video unseres ersten Trainings

Zurück zum Anfang: als sein Trainer Nikolas darauf aufmerksam machen wollte, dass er schon wieder Mongo pusht, obwohl er ihm das abtrainieren wollte, war das für Nikolas eben kein Rüffel, sondern Bestätigung seiner Art.

Eben NICHT normal zu sein, sondern ein Autist, ein Behinderter, ein Mongo eben.

Ich weiß nicht, was du so im Skaten siehst. Und ich will auch niemand erzählen, was Skateboarding ist. Das ist für jeden von uns was eigenes, ein Gefühl, das sich nicht transferieren lässt. Aber was ich weiß: dass es verdammt geil ist, und dass es verdammt einzigartig ist. So wie jeder von uns. Ich werde nächstes Jahr fünfzig. Graue Haare wachsen schneller aus meinen Follikeln als mir lieb ist. Aber ich bin immer noch jedes Frühjahr glücklich, wenn die erste Straßenreinigungskarre unterwegs ist und all den Rollsplit wegkehrt. Ich hoffe, das geht so weiter die kommenden fünfzig Jahre.

Für mehr Infos zu unserem Training besuche www.AutistaSkates.de

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